Sechzig Jahre lang hat Peter Rohn gemalt, was in Potsdam sonst niemand malte: Mülltonnen im Winter, Straßen im Halbdunkel, den Weg zur Arbeit. Nun wird der 92-Jährige in Cottbus mit dem neuen Brandenburgischen Kunstpreis ausgezeichnet.
Brandenburgischer Kunstpreis für Peter Rohn "Wer malt schon gelbe Mülltonnen am Wintermorgen?"
Von Felix Moniac
Langsam geht Peter Rohn durch die Räume seiner Wohnung im Potsdamer Westen. Jahrzehntelang war hier auch das Atelier des inzwischen 92-jährigen Künstlers untergebracht. An den Wänden lehnen noch immer zahlreiche Leinwände. Eine davon dreht er um: "Gelbe Mülltonnen am Wintermorgen", gemalt 2015. Zu sehen sind Männer der Stadtentsorgung in Orange, in einer Straße, die zum größten Teil im Dunkeln liegt.
"Wer malt schon gelbe Mülltonnen am Wintermorgen?", sagt Rohn. "Ich habe gerade die Dinge, die für das Leben von uns allen wichtig waren, versucht auch ins Bild zu bringen, und nicht schöne Landschaften zu malen, was mich ein bisschen gelangweilt hätte."
Peter Rohn zeigt sein Bild "Gelbe Mülltonnen am Wintermorgen" (Quelle: rbb/Felix Moniac)
Dass so viel Dunkelheit im Bild ist, hat einen Grund. Etwa ein Drittel von Rohns Werk sind Nachtbilder. "Wieso malt keiner Nachtlandschaften?", fragt er. "Denn der normale Mensch ist im Winterhalbjahr früh in der Nacht auf dem Weg zur Arbeit, und er kommt im Halbdunkel abends zurück. Ist das nichts? Das ist doch das normale Leben."
Die Kunsthistorikerin Hendrikje Warmt vom Potsdam Museum am Alten Markt, führt das weiter zurück: in Rohns Kindheit. Nach dem Krieg habe er nachts geholfen, das zerstörte Dresden aufzuräumen. "Er lernt kennen, dass ganz viele Leute in der Nacht arbeiten. Das wird sein Bildthema, was ihn wirklich jahrzehntelang begleitet."
Kunsthistorikerin Hendrikje Warmt vom Potsdam Museum am Alten Markt (Quelle: rbb/Felix Moniac )
Wie sehr, zeigt das Bild, das im Potsdam Museum als Aushängeschild seiner Arbeit gilt [potsdam-museum.de]: "Blick aus dem Clubhaus" von 1966. Rohn nimmt den Betrachter mit in den Turm des alten Rathauses. Unten liegt der Alte Markt, es ist Jahrmarkt. Die Menschen sind fein mit dem Pinsel getupft, im Hintergrund befindet sich der Turm der Garnisonkirche - damals noch der ursprüngliche [garnisonkirche-potsdam.de]. Im selben Jahr eröffnete am Alten Markt das Kulturhaus Hans Marchwitza, heute Sitz des Potsdam Museums. Ein Neuanfang nach den Kriegsjahren – gemalt bei Nacht.
Nüchtern ist dieser Blick nicht. Die Jury des Brandenburgischen Kunstpreises [blmk.de], mit dem Rohn in diesem Jahr ausgezeichnet wird, spricht von Wirklichkeitsbildern, die von Traumszenarien durchzogen seien.
Dass er Maler wurde, führt Rohn auf seine Mutter zurück, die gut zeichnen konnte. Ein Studium an der Technischen Universität Dresden brach er schnell ab. Dann brachte die Mutter einen Zeitungsausschnitt mit: Die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig habe noch Studienplätze frei. Eine Bewerbungsmappe verlangte die Anzeige auch. Rohn hatte keine.
"Geh doch in den Zoo und zeichne Tiere und schick die Skizzen", habe ihm seine Mutter geraten. Zwei Skizzenbücher wurden es. Die anderen Bewerber kamen mit dicken, ordentlichen Mappen, genommen wurde Rohn trotzdem.
Drei Jahre blieb er in Leipzig, sein Lehrer war Bernhard Heisig. Dann wollte Rohn weg – die Beschränkung auf Schwarz-Weiß war ihm zu eng. Heisig sei wütend gewesen, verbieten konnte er es nicht. Rohn ging zurück nach Dresden, um bei Rudolf Bergander zu lernen.
Die Dresdner Schule sieht man den Bildern bis heute an, sagt Kunsthistorikerin Warmt: den präzisen Pinselstrich, die Komposition. Wie genau Rohn arbeitet, zeigt eine Vorstudie von 1976 zum "Weißen Trabant": Er notiert direkt auf dem Blatt, welcher Farbwert wohin gehört, grün-gelbe Werte gegen rötliche, damit der Kontrast im fertigen Bild stimmt.
Nach Brandenburg kam der 1934 in Dresden geborene Rohn auch wegen des Wassers: Die Ostsee sei kalt, die Havel dagegen angenehm temperiert, so Rohn im Gespräch mit dem rbb. In der Nacht zum 13. August 1961 war er mit seiner Frau und der neugeborenen Tochter in Wannsee, beim Bruder der Frau. Kurz vor Mitternacht fuhren sie zurück. Am Morgen hörten sie im Radio, dass die Grenze geschlossen ist. "Um ein Haar wären wir in Wannsee hängen geblieben." Zurückgekommen wäre er wohl trotzdem, sagt Rohn: Seine ersten Bilder lagen in Potsdam. "Die verlässt man nicht einfach so." Zweimal war er Vorsitzender des Künstlerverbandes im Land Brandenburg.
Viele Potsdamer kennen Rohns Arbeiten vielleicht auch, ohne es zu wissen. Zum Beispiel durch das "Flugschiff", ein acht Meter langer Fisch, der eine Gondel trägt, aus Stahl- und Kupferblech. Rohn hat es Ende der Sechzigerjahre entworfen, der Metallbildhauer Christian Roehl hat es gebaut. Angebracht wurde es erst 1973 am Haus des Reisens.
Der Rat des Bezirks sei über die Modernität erschrocken gewesen, erklärt Warmt. Lange habe man hin und her überlegt, ob das Objekt überhaupt hängen dürfe. Es zeige das Wasser der Havel und zugleich die Himmelskörper – ein kosmisches Gebilde, mit dem man in die ganze Welt reisen kann.
"Flugschiff", ein acht Meter langer Fisch, der eine Gondel trägt, aus Stahl- und Kupferblech am Parkhaus in der Schiffbauergasse (Potsdam) (Quelle: rbb/Felix Moniac)
"In der Gestaltung ist ja enthalten der Gedanke der Freiheit", sagt Rohn. "Denn Luftschiff ist in dem Fall zum Beispiel ein Symbol, dass man über die Dinge wegfliegen kann und eine große Unabhängigkeit hat. Gedankliche Freiheit." Ein solches Bild im öffentlichen Raum schockierte zwölf Jahre nach dem Mauerbau.
Beim Abriss des Hauses des Reisens 2009 wurde das Flugschiff abgenommen und eingelagert. Seit 2015 hängt es wieder, nun am Parkhaus in der Schiffbauergasse.
Auch das Mosaik an der Giebelwand eines Hochhauses in der Zeppelinstraße stammt von ihm. Bekannt ist die Arbeit von 1981 als "Adam und Eva".
Mosaik an der Giebelwand eines Hochhauses in der Zeppelinstraße, Arbeit von 1981 bekannt als "Adam und Eva" (Quelle: rbb/Felix Moniac)
Gemalt hat Rohn nicht nur auf Leinwand, sondern auch auf Küchenrolle. "Die Küchenrolle ist das Profanste, was man sich vorstellen kann", sagt er. Genau das habe ihn gereizt. Bis die Farbe nicht mehr verlief, musste er lange probieren. Oft hat er die Blätter verschenkt, erzählt er, und Jahre später auch gerahmt bei einem Arzt im Behandlungszimmer wiedergefunden.
Peter Rohn hat die Küchenrollenmalerei perfektioniert (Quelle: rbb/Felix Moniac)
Am Sonntag wird der Brandenburgische Kunstpreis im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Cottbuser Dieselkraftwerk verliehen. Rohn ist einer von drei Preisträgern - neben Maren Strack und Gabriele Konsor. 166 Bewerbungen gab es, jeder Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Kulturministerin Manja Schüle (SPD) hat den Preis neu zuschneiden lassen: Ausgezeichnet werden künstlerische Positionen statt einzelner Werke, alte Spartengrenzen fallen weg.
Ein Maler, der Metall gestaltet und Mosaike entworfen hat – die Sparten wären bei Rohn ohnehin schwer zu ziehen gewesen.
Sendung: rbb24, 02.09.2026, 21:45 Uhr
Video: rbb24, 02.09.2026, Felix Moniac
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