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Gesprächsreihe von Pen Berlin: Wieviel Heimat braucht der Mensch?

Дата публикации: 15-09-2026 11:45:41

Der Schriftstellerverband Pen Berlin bringt Menschen in der Hauptstadt in der Woche vor den Wahlen zu öffentlichen Gesprächen zusammen und fragt: "Ist das noch/schon mein Land?" Den Auftakt machte Berlin Marzahn-Hellersdorf.


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Gesprächsreihe von Pen Berlin Wieviel Heimat braucht der Mensch?

Archivbild: Die Autorin Marion Brasch (Quelle: imago images/H.Galuschka)
Archivbild: Die Autorin Marion Brasch (Quelle: imago images/H.Galuschka)

Mitten im Plattenbau im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf stößt man plötzlich auf dieses kleine, schmucke, charmante Theater, eingelassen ins Hochhaus: die Grüne Bühne. Eröffnet hat es 2023, sieht aber aus wie ein Varieté aus den 1950er Jahren. Grüne Samtstühle stehen an dunkelgrünen Tischchen im Parkett. Roter Plüsch auf der Bühne, roter Samtvorhang, goldene Palmwedel. Aus dem Bistro kann man sich Schmalzstullen und Essiggurken an den Tisch bestellen. Normalerweise gibt es hier Tanztee mit Bingo oder das Pub-Quiz.

Wer findet, die AfD wird unfair behandelt?

Zum Gespräch über Heimat, initiiert vom Schriftstellerverband Pen Berlin, sind einige Stammgäste der Grünen Bühne gekommen. Die meisten davon Rentnerinnen und Rentner. Doch in ihren Haltungen sehr unterschiedlich.

Zu Beginn jeder Veranstaltung stellt Aron Broks vom Pen Berlin Fragen, die vom Publikum mit Handzeichen beantwortet werden sollen. Bei "Wer findet die AfD gefährlich?" gehen in Hellersdorf etwa genauso viele Hände nach oben wie bei "Wer findet, dass die AfD unfair behandelt wird?". Dasselbe Bild bei: "Wer informiert sich über die 'Tagesschau'?" und bei "Wer misstraut der 'Tagesschau'?"

Pen Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen ins Gespräch zu bringen, bevor sie in ihrem Bundesland ihr Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen. 2024 hat der Verband fast 40 Diskussionen über Meinungsfreiheit in Thüringen, Sachsen und Brandenburg initiiert, bevor der neue Landtag gewählt wurde.

Thema in diesem Jahr ist nun also Heimat: "Ist das noch/schon mein Land?" Anfang des Jahres stellte der Pen Berlin diese Frage in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, später in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – jetzt, kurz vor den Wahlen in Berlin, kommt die Reihe in die Hauptstadt.

Auf dem Podium sitzen jeweils zwei Gäste. In Marzahn-Hellersdorf sind es die Schriftstellerin Marion Brasch und der Journalist Denis Yücel, Sprecher von Pen Berlin – letzterer war für den kurzfristig verhinderten konservativen Journalisten Jan Fleischhauer eingesprungen. Vom Moderator, dem Historiker René Schlott, werden sie nach ihrem Heimatbegriff befragt.

Heimat bedeutet Verantwortung

"Nach meiner Freilassung aus türkischer Haft habe ich mit meiner Frau ein Jahr in Sizilien gelebt", erzählt der Kreuzberger Denis Yücel. "Wir haben immer noch gute Kontakte dorthin, aber ich frage mich nicht, warum die politischen Verhältnisse in Italien sind, wie sie nun sind. Meine Leute dort fragen sich nicht: Was haben wir falsch gemacht? Ich empfinde keine Verantwortung. Für das, was ich als Heimat empfinde, ist das anders. Nach meinem Dafürhalten kann man sich eine zweite, dritte Heimat erschließen. Aber das braucht Zeit, Liebe, Beschäftigung und Hingabe."

Marion Brasch fühlt sich in Berlin und vor allem in Prenzlauer Berg heimisch, hat sich aber durchaus schon gefragt, ob sie das Land verlassen muss. "Wenn ich nach Israel auswandere, würde ich sofort die israelische Staatsbürgerschaft bekommen, müsste dann aber dort zur Armee – darauf hätte ich jetzt auch keinen Bock. Ich hatte früher schon den Gedanken hier wegzumüssen, weil ich als Jüdin nicht mehr sicher bin. Heute träume ich auch schon wieder von solchen Sachen."

Am wichtigsten: die Expertise des Publikums

Das Besondere an diesem Gesprächsformat ist allerdings: Jeder und jede Zuschauer:in ist gleichermaßen Expert:in beim Thema. Die Gäste auf dem Podium bleiben lediglich Impulsgeber, um das Publikum in einen Austausch zu bringen. Ob die Menschen dann politisch diskutieren oder persönliche Anekdoten erzählen, bestimmt den Abend.

In Hellersdorf-Marzahn schwingt sich eine ältere Dame zunächst zu einer rührenden Liebeserklärung auf. "1978 bin ich hergezogen und wir haben hier alles mit aufgebaut. Der Bezirk ist wunderschön, mit den Gärten der Welt, mit dem Dorf Alt-Marzahn. Und ich ärgere mich immer wahnsinnig, wenn unser Bezirk so schlecht gemacht wird. Ich liebe diesen Bezirk, das ist meine Heimat." Es ist nicht die einzige emotionale Wortmeldung – zwischendurch fließen auch mal Tränen beim Gespräch über Heimat, Heimatverlust, neue Heimaten.

Berlin: vermüllt, verelendet, verarmt?

Sehr viel später kommen dann auch kontroversere Themen auf den Tisch: die Sorge, dass Berlin vermüllt, verelendet, verarmt, dass es mit der Bildung nicht funktioniert, dass sich mit muslimischen Einwanderern Parallelgesellschaften bilden könnten. Auch die Aufrüstung kommt zur Sprache: Sollte Deutschland ein Heimatland sein, das Geld für Waffen in der Ukraine ausgibt? Viele sehen das anders.

Das Podium versucht die Beiträge nicht zu widerlegen oder auszudiskutieren, sondern reagiert mit eigenen Einschätzungen und Haltungen. Marion Brasch etwa stellt die Frage nach der Zugänglichkeit des Bildungssystems für alle – als Reaktion auf die Wortmeldung zu muslimischen Parallelgesellschaften.

Offener Austausch, keine klares Diskussionsergebnis

Denis Yücel thematisiert die Berliner Wahlen, wettert gegen die grüne Bezirksregierung in Kreuzberg, die Romantisierung des Elends im Görlitzer Park – und befürchtet, dass die Kreuzberger Türken nun vermehrt AfD wählen könnten.

Das wichtigste Prinzip der Veranstaltung aber bleibt: Alles darf gesagt werden. Der Abend will kein klares Diskussionsergebnis liefern, hat weder wahlpolitische Agenda noch pädagogischen Auftrag. Es geht um den offenen Austausch als Teil von Demokratie.

Vieles kommt zur Sprache, wenig davon kann in zwei Stunden geklärt werden. Es bleibt die Stärke der Veranstaltungsreihe, den Menschen Freiraum zu geben, Dinge öffentlich anzusprechen, die ihnen auf der Seele liegen. Was wie besprochen wird, ist dabei jeden Abend anders.

Sendung: rbb24 Inforadio, 15.09.2026, 8:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 15.09.2026, Barbara Behrendt

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