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„Das lässt sich nicht mehr mit Frust oder Protest erklären“: Tagesspiegel-Community über den AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt

Дата публикации: 07-09-2026 09:03:34

Die AfD gewinnt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich, die CDU stürzt ab. In der Tagesspiegel-Community reichen die Reaktionen von Scham und Fassungslosigkeit bis zur Forderung, die Gründe für den Erfolg der AfD ernst zu nehmen.

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Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent deutlich gewonnen und somit ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt. „Ich kann mich spontan an keine Wahl erinnern, bei der solche großen Wähleranteile das Lager wechselten“, schreibt Tagesspiegel-Nutzerin Joelle. Für sie dürfte die Wahl „einer der größten, wenn nicht sogar der größte Paukenschlag sein, der je durch eine Wahl verursacht wurde“.

Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzt hingegen ab und das BSW zieht erstmals in den Landtag ein. Die AfD verfehlt die absolute Mehrheit zwar knapp, doch weil die übrigen Parteien eine Koalition mit ihr ausschließen, ist nach der Wahl vor allem eines klar: Sachsen-Anhalt steht damit vor schwierigen Gesprächen über die künftige Regierung – und bundesweit wie international wird beobachtet, ob eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei erstmals Regierungsverantwortung in einem Bundesland übernehmen kann.

In der Tagesspiegel-Community löst das Ergebnis sehr starke Reaktionen aus. Einige Nutzerinnen und Nutzer beschreiben Scham, Wut und Fassungslosigkeit angesichts des Erfolgs der AfD. Andere warnen davor, fast die Hälfte der Wählenden pauschal zu beurteilen. Sie sehen auch die etablierten Parteien in der Verantwortung und fordern, die Sorgen über Migration, innere Sicherheit, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten und den Zustand der Infrastruktur ernst zu nehmen.

Für die einen ist der Wahlerfolg der AfD Ausdruck einer gesellschaftlichen Katastrophe und ein Beleg dafür, dass Rechtsextremismus wieder selbstverständlich wählbar geworden ist. Für andere ist er vor allem ein Warnsignal an CDU, SPD, Grüne, FDP und das gesamte politische Parteiensystem. Mehrfach geht es um die Frage, ob die Brandmauer die AfD tatsächlich schwächt – oder ob sie ihren Anhängern zusätzliche Bestätigung liefert.

Lesen Sie hier eine redaktionelle Auswahl aus der Tagesspiegel-Community:

1 @Chemopilus

Es mag sein, dass wir weitaus mehr sind. Aber dennoch machen mir mögliche 600.000 Wählerinnen und Wähler einer Partei, in deren Reihen Rechtsextreme, Menschenverächter und Rassisten stehen, große Sorgen. Ich schäme mich zutiefst für diese Menschen. Ich bin wütend und fassungslos darüber, dass gerade einmal eine Generation genügt hat, damit so etwas wieder möglich wird.

Das lässt sich für mich nicht mehr mit Frust, Protest oder Enttäuschung erklären. Diese Menschen wissen, wen und was sie wählen. Sie tun es aus Überzeugung. Und genau das ist eine Schande – und eine gesellschaftliche Katastrophe. Warum ist so etwas möglich?

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2 @Joelle

Ich kann mich spontan an keine Wahl erinnern, bei der solche großen Wähleranteile das Lager wechselten. Egal, wie man jetzt zu einzelnen Parteien steht, dürfte diese Wahl einer der größten, wenn nicht sogar der größte Paukenschlag sein, der je durch eine Wahl verursacht wurde.

3 @AlexHH1

Früher hieß es, hohe AfD-Ergebnisse seien auch ein Problem niedriger Wahlbeteiligung. Die demokratische Mitte müsse nur mobilisiert werden. Nun ist die Wahlbeteiligung ausgesprochen hoch, und die AfD liegt trotzdem bei rund 45 Prozent. Was passt denn jetzt? Vielleicht sollte man aufhören, für jedes unangenehme Wahlergebnis eine neue Erklärung zu suchen, die möglichst wenig mit der eigenen Politik zu tun hat.

Dieses Ergebnis ist nicht allein das Problem der CDU

Tagesspiegel-Nutzer AlexHH1

Dieses Ergebnis ist nicht allein das Problem der CDU. SPD, Grüne, FDP und das gesamte demokratische Parteiensystem müssen sich fragen, weshalb sich ein derart großer Teil der Bevölkerung von ihrem politischen Angebot nicht mehr vertreten fühlt.

Es geht um die politische Steuerung der Flüchtlingsaufnahme und ihre wahrgenommenen beziehungsweise tatsächlichen Folgen, innere Sicherheit, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten, schwindende Infrastruktur, Ärztemangel und verödende Innenstädte. Das ergibt eine Gemengelage, die viele Menschen offenbar als Kontrollverlust mit entsprechender Zukunftsangst erleben. Natürlich gibt es unter AfD-Wählern Rechtsextreme, Rassisten und Menschen mit einem Gesellschaftsbild, das einer liberalen Demokratie widerspricht.

Wer dieses Wahlergebnis verändern will, muss Ursachen verstehen und außerordentlich zeitnah sein politisches Handeln ändern

Tagesspiegel-Nutzer AlexHH1

Das darf definitiv weder relativiert noch verharmlost werden. Aber rund 45 Prozent damit pauschal zu erklären, wäre erschreckend bequem. Ebenso wenig darf Kritik an Umfang, Kosten und Folgen der Flüchtlingsproblematik bedeuten, den Respekt vor dem einzelnen Menschen zu verlieren. Genau diese Unterscheidung muss eine demokratische Debatte aushalten.

45 Prozent lassen sich weder mit niedriger Wahlbeteiligung erklären noch wegmoralisieren. Man muss verstehen, warum diese Menschen so wählen. Verstehen heißt ausdrücklich nicht akzeptieren. Wer dieses Wahlergebnis verändern will, muss Ursachen verstehen und außerordentlich zeitnah sein politisches Handeln ändern. Sonst wird aus 45 Prozent demnächst eine absolute Mehrheit. Beste Grüße aus Potsdam und allen trotz allem eine friedliche Woche, Alexander Müller

4 @Marlia

Merz und seine Partei haben zum Aufstieg der AfD maßgeblich beigetragen; nicht erst, seit sie die Regierung anführen, aber vor allem seitdem. Erkennbar ist das daran, dass Merz und die Union eine Politik machen, die in allen Bereichen politische Wünsche der AfD erfüllt.

Ich glaube sogar, dass AfD-Wähler sich nicht wirklich für Politik interessieren

Tagesspiegel-Nutzerin Marlia

Aber Parteien haben erst Gestaltungsmöglichkeiten, wenn sie gewählt worden sind. Die individuelle Wahlentscheidung sollte sich auf eigenständig durchdachte und beurteilte Fakten stützen. Das ist bei den Wählerinnen und Wählern der AfD nicht der Fall – sofern nicht der Fakt des rechtsextremen Charakters der Partei der Wahlgrund ist.

Menschen wählen diese Partei, ohne zu prüfen, welche Ziele sie verfolgt und was das Erreichen dieser Ziele für uns alle, also auch für die AfD-Wähler selbst, bedeuten würde. Sie befassen sich auch nicht mit den anderen Parteien, und ich glaube sogar, dass AfD-Wähler sich nicht wirklich für Politik interessieren.

Aber sie brauchen die AfD für den Versuch, als deren Anhänger oder Mitglieder persönliche Defizite auszugleichen, deretwegen sie von sich selbst enttäuscht und auf sich selbst wütend sind. Das Gefühl eigener Unzulänglichkeit ist ein starkes Motiv für falsches Handeln. So auch für die blinde Suche nach Erfüllung individueller Sehnsüchte durch die falschen Leute, die vorgeben, hilfreiche Freunde zu sein.

Dass etablierte Parteien Fehler machen und die Union in ihrem Regierungshandeln vor dem ideologischen Heranrücken an die AfD mit allen schwerwiegenden Folgen, die das für die Gesellschaft hat, nicht zurückschreckt, empfinden AfD-Wähler als Bestätigung ihrer Anhänglichkeit an eine Partei mit faschistoider Ideologie. Sie begreifen nicht, dass diese Partei Deutschland am Abgrund sehen will. Und diejenigen, die das begreifen, wollen es so.

Das Kreuz auf dem Wahlzettel bei der AfD ist wie das Aufstoßen der Tür, hinter der das Verhängnis nur darauf lauert, über das Land und seine Bewohner herfallen zu können.

5 @O.L.

Mit Sven Schulze habe ich Mitleid. Die Merz-Regierung hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Meiner Meinung nach wurde hier die Bundesregierung stellvertretend abgestraft.

6 @2010ff

Fast 20 Prozentpunkte Verlust für die CDU. Halbiert. So schlecht kann ein Ministerpräsident und eine Landes-CDU gar nicht sein, um allein diese brutale Klatsche verantworten zu können. Das allein auf Sachsen-Anhalt begrenzen zu wollen, scheint mir unmöglich. Hat die CDU jemals bei einer Landtagswahl so einen Verlust erlebt? Vielleicht noch nie. Es gibt einen „Merz-Faktor“ bei dieser Wahl.

7 @Monsieurenfrance

Jetzt ist klar, dass 44 Prozent der Wählenden kein Problem damit haben, eine offen rassistische, völkische, rechtsextreme Partei zu wählen. Viele dieser Wählenden tun dies anscheinend, um den Regierenden im Bund einen Denkzettel zu verpassen. Mit Verlaub, an der Intelligenz dieser Wählenden habe ich große Zweifel, zumal die von der AfD vorgeschlagenen Lösungen kein einziges Problem beheben, dafür aber die Lage in diesem Bundesland verschärfen werden. Am Ende werden die Wählenden in Sachsen-Anhalt dann das bekommen, was sie verdient haben.

8 @Stachel.v.tagesigel

Die Dämonisierung der AfD hat genau das Gegenteil von dem gebracht, was man damit eigentlich erreichen wollte. Die Brandmauer ist quasi der Brandbeschleuniger Richtung absolute Mehrheit. Der Umgang mit einer Partei, die bei den Wahlen demokratisch zugelassen ist, wird auf Dauer so nicht fortgeführt werden können.

Der Weg der politischen Auseinandersetzung muss ein anderer werden

Tagesspiegel-Nutzer Stachel.v.tagesigel

Niemand kann daran Interesse haben, dass das heutige Wahlergebnis in naher Zukunft auch ein bundesweites Ergebnis werden könnte. Der Weg der politischen Auseinandersetzung muss ein anderer werden, zumal ein Verbotsverfahren wohl nicht mehr in Betracht kommen wird.

9 @Freeandhappy

Es ist und war zu erwarten, dass die AfD dort mit ihrem Wahlsiegeszug im Osten beginnt. Dieses Ergebnis, selbst ohne absolute Mehrheit, ist ein Brandbeschleuniger für die kommenden Landtagswahlen. Denn es geht dem AfD-Anhang nicht um Inhalte und Perspektiven, sondern um das reine Gewinnen – wie bei einem sportlichen Wettbewerb, bei dem das Ergebnis zählt. Das Wie und Warum ist sekundär. Außer, dass man sich im Kreis von deutschtümelnden Rassisten, Antisemiten, Xenophoben und Bildungsnegierenden nicht unwohl fühlt und die spaßige Wut gegenüber allen anderen, die dem nicht folgen, als Hobby vom Internet auf die Straße trägt.

Man zeigt Dominanz gegenüber allen anderen, kriegt wahrscheinlich eine Gänsehaut über die Quantität, die man schwarz auf weiß verifiziert kriegt. Ein Teufelskreis, weil es genug Menschen ohne wirkliche Identität gibt, die sich Gewinnern anschleichen müssen, um sich selbst wahrzunehmen.

Vielleicht ist die Mitte den Gedankenspielen von Rechts nicht fern genug, um dagegen anzukämpfen, und steht diesem Experiment nicht unoffen gegenüber

Tagesspiegel-Nutzer Freeandhappy

Normalerweise würde ich mein Beileid gegenüber den Menschen der Mehrheitsgesellschaft dort „in der Mitte“ ausdrücken, aber ich habe das Gefühl, dass in den kleinen Kreisen (Nachbarschaft, Freunde, Familie, Sportvereine) zu wenig oder gar nicht gegen eine Entwicklung in diese Richtung getan wurde. Ob in Diskussionen oder in Engagements. Institutionen, Politik, Medien und Prominente finden bei den AfDlern und denen, die sympathisieren, keine Anknüpfungspunkte. Die 50 Prozent plus haben offenbar versagt.

Aber was heißt Versagen? Vielleicht ist die Mitte den Gedankenspielen von Rechts nicht fern genug, um dagegen anzukämpfen, und steht diesem Experiment nicht unoffen gegenüber. Dass sie sich damit die Rechtsextremen ins Haus holen, scheint nicht schlimm genug zu sein. Die Konsequenzen müssen dann halt alle spüren.

Die mir wirklich leidtun, sind tatsächliche politische Aktivisten und Menschen mit Migrationsgeschichte. Die einen kämpfen, die anderen müssen sich täglich neu beweisen in einer ihnen feindlich gegenüberstehenden Umgebung. Die stille Mitte hat versagt.

10 @Anton2332

Ich denke, für Demokraten heißt es ab morgen: Aufstehen, Krone richten, weiter kämpfen.

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