Friedrich Merz und Joe Biden sind sich ähnlicher, als man denkt. Beide klammerten sich an die Macht, obwohl Vertrauen und Rückhalt schwanden. Unser Korrespondent in Washington meint: Der Kanzler muss aus den Fehlern von Biden lernen.
22.09.2026 · 10:31 Uhr
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
Foto: Michael Kappeler/dpa/Michael KappelerMeinung | Washington · Friedrich Merz und Joe Biden sind sich ähnlicher, als man denkt. Beide klammerten sich an die Macht, obwohl Vertrauen und Rückhalt schwanden. Unser Korrespondent in Washington meint: Der Kanzler muss aus den Fehlern von Biden lernen.
Die Lage von Bundeskanzler Friedrich Merz erinnert verblüffend an den quälenden Niedergang Joe Bidens. Der US-Präsident war ernsthaft davon überzeugt, dass nur er die amerikanische Demokratie retten könne. Statt Konsequenzen aus dem offensichtlichen Vertrauensverlust in der Bevölkerung zu ziehen, klammerte er sich an ein Amt, das ihn sichtbar überforderte. Wie Biden verkauft Merz Starrsinn als Prinzipientreue. Kritik lässt er an sich abprallen. Vielleicht auch, weil beide Männer über Jahrzehnte vergeblich nach der Macht gestrebt hatten, bevor sie endlich an der Spitze standen.
Unter den Beratern des Präsidenten fand sich niemand, der Biden reinen Wein einschenkte. Das Ergebnis ist bekannt. Mit seiner Uneinsichtigkeit bereitete er den Boden für die Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus – mit allen absehbaren Folgen. Wenn es dem deutschen Kanzler wirklich um die Verteidigung der Demokratie geht, sollte er den Fehler Bidens nicht wiederholen. Sonst endet das schlecht, für ihn und für Deutschland. Merz muss vom Reden zum Handeln kommen. Ein Desaster verlangt eine andere Antwort als das Weiter-so.
Auch die Verantwortungsträger der Union könnten von den Erfahrungen auf der anderen Seite des Atlantiks lernen. Bei den US-Demokraten gab es zu viele Opportunisten, die Biden nicht zum Rückzug drängten. Dabei hätte ein früher Verzicht Kamala Harris und der amerikanischen Demokratie eine echte Chance gegeben.
Mit Kapitän Merz auf der Brücke droht das ganze Unionsschiff unterzugehen. In Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern ist die Partei schon jetzt marginalisiert. Wenn das so weitergeht, sind die Christdemokraten bald keine Volkspartei mehr. Beispiele dafür gibt es in anderen Ländern reichlich. Sie sollten Warnung genug sein.
Von der Tragödie Bidens lässt sich lernen, dass Demokratien oft an der Schwäche ihrer Führer scheitern. Biden fehlte die Kraft, den Amerikanern Zuversicht zu vermitteln. Ein Problem, das auch Merz plagt, dem das Gespür für die Sorgen der Menschen fehlt. Wie Biden ist er ein ehrenwerter Mann mit den allerbesten Absichten. Merz versteht es aber nicht, die Menschen bei den dringend notwendigen Reformen mitzunehmen. Ohne das geht es nicht in einem Land, das sich mit Veränderungen immer schwertut. Die AfD hat von Trump gelernt, die Demokratie von innen zu zersetzen. Wie ihm gelingt es ihr, Wähler anzusprechen, die sich dem demokratischen Prozess sonst verweigern. Das verrät viel über den aufgestauten Frust in der Bevölkerung.
Aus der Ferne betrachtet, löst die Unfähigkeit des Kanzlers ein Déjà-vu aus. Merz sollte die Fehler von Biden nicht wiederholen. Dazu gehört die Einsicht, dass nach dem Dreifach-Debakel bei den Wahlen weder Durchhalteparolen noch Zweckoptimismus den Kanzler noch retten können.
Die Tragödie Joe Bidens sollte dem Kanzler eine Mahnung sein. Es geht um Deutschland, nicht um ihn.
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