Der Kinofilm „Die reichste Frau der Welt“ ist inspiriert von der Bettencourt-Affäre, die Frankreich jahrelang in Atem hielt. Das Familiendrama sorgte für eine Staatsaffäre samt Ermittlungen gegen den Regierungschef. Warum uns L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt und ihre Tochter Françoise bis heute beschäftigen.
Familienbande: Die 2017 verstorbene Liliane Bettencourt (links), damals reichste Frau der Welt, mit ihrer Tochter Françoise Bettencourt-Meyers bei einer Unesco-Veranstaltung im Jahr 2011 in Paris (Archiv)
Foto: Thibault Camus/ APMehr Drama geht kaum: Liliane Bettencourt (1922–2017), L’Oréal-Erbin und damals reichste Frau der Welt, verguckte sich im Alter jenseits der 65 in einen 25 Jahre jüngeren Jetset-Fotografen, der ihr im Laufe der Zeit Geschenke im Wert von rund einer Milliarde Euro entlockte. Ihre Tochter Françoise Bettencourt-Meyers verbündete sich daraufhin mit dem Butler ihrer Mutter, um die Hochbetagte abzuhören und ihre Unmündigkeit nachzuweisen.
Durch die Tonaufnahmen kam 2010 ein Politskandal ans Licht, in den auch Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy (71) verstrickt war. Liliane Bettencourt, so der Vorwurf, habe illegale Parteispenden an Politiker der damaligen Regierungspartei UMP gezahlt, darunter Ex-Präsident Sarkozy sowie Ex-Arbeitminister Eric Woerth (70). Das Verfahren gegen Sarkozy wurde eingestellt, Woerth im Strafprozess freigesprochen: Ende 2010 gab Françoise bekannt, dass sie mit ihrer Mutter eine Übereinkunft getroffen habe und alle angestrengten gerichtlichen Verfahren zurückziehe. Mutter Lililiane wurde 2011 bis zu ihrem Tod 2017 unter die Vormundschaft ihres Enkels gestellt.
Die spektakuläre Familien- und Staatsaffäre lieferte bereits vor zwei Jahren den Stoff für eine dreiteilige Netflix-Doku. Auch der ehemalige Hausfreund der verstorbenen Milliardärin, François-Marie Banier (78), der wegen „Ausnutzung von Schwäche“ am Ende strafrechtlich verurteilt wurde, hat inzwischen seine Erinnerungen in Buchform vorgelegt. Dass sich eine der prominentesten Familien Frankreichs, höchster Geldadel, auf eine solche Art und Weise gegenseitig zerlegt, hat auch Regisseur Thierry Klifa (58) nicht ruhen lassen: Mit „Die reichste Frau der Welt“ legt er eine fiktive Komödie vor, die sich stark am historischen Original orientiert.
Die Bettencourt-Affäre fasziniert Filmemacher und Zuschauer bis heute, weil sie menschliche Schwächen in einer der reichsten Familien der Welt vorführt und wie in einem Brennglas vergrößert: Liebe, Enttäuschung, Geheimnistuerei, Verrat, persönliche Fehden. Dass sich dieses Drama in einer Mutter-Tochter-Beziehung zuspitzt und Nachforschungen nicht über gewöhnliches Hörensagen im Familienkreis funktionieren, sondern im Fall Bettencourt mithilfe eines Angestellten in der Rolle eines Spions perfektioniert werden, gibt der Angelegenheit noch mehr Brisanz. Politische Sprengkraft haben die vom Butler gesammelten Tonaufnahmen ohnehin. Es passt zu diesem Familiendrama aus höchsten Kreisen, dass die Dinge nicht restlos aufgeklärt, sondern in einer persönlichen Übereinkunft der beiden Hauptakteurinnen beendet und mit dem Mantel des Schweigens bedeckt werden.
Während der Kinofilm mit Isabelle Huppert (73) in der Hauptrolle der Liliane in Deutschland anläuft, feiert Françoise Bettencourt-Meyers (72) in der realen Welt einen bemerkenswerten Aufstieg in die Top 20 der reichsten Menschen der Welt. Mit einem Vermögen von rund 95 Milliarden Dollar zog sie in dieser Woche am indischen Milliardär Mukesh Ambani (71) vorbei und erobert damit Platz 20 auf der aktuellen Forbes-Liste der Superreichen . Sie sitzt damit Bill Gates (Platz 19) im Nacken und ist zugleich die zweitreichste Frau der Welt: Nur Walmart-Erbin Alice Walton (76) ist mit einem Vermögen von aktuell 136 Milliarden Dollar noch reicher.
Grund für den rasanten Vermögenszuwachs sind die jüngsten Quartalszahlen des Kosmetikriesen L’Oréal. Das Unternehmen verbuchte im ersten Quartal ein Umsatzplus von 6,7 Prozent auf 12,15 Milliarden Euro – das schnellste Quartalsumsatzwachstum seit zwei Jahren. Die Aktie von L’Oréal stieg am Donnerstag zeitweise um 10 Prozent und erreichte einen Börsenwert von rund 200 Milliarden Euro. Da Françoise Bettencourt-Meyers über die Familienholding Téthys mehr als ein Drittel an L’Oréal hält, bedeutet der Kurssprung auch für die Enkelin und Erbin des verstorbenen L’Oréal-Gründers Eugène Schueller (1881 bis 1957) einen Geldsegen in Milliardenhöhe.
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Walmart-Erbin Alice Walton (76) ist inzwischen weit enteilt. Doch wer einen Skandal wie Françoise Bettencourt-Meyers überstanden hat, den dürfte wenig aus der Ruhe bringen. Weder der Abstieg aus dem Vermögensolymp, noch eine zweistündige Komödie über das Leben ihrer Mutter.
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