Beim Spiel Schweiz gegen Algerien lief im ZDF neben der üblichen Hochglanzreklame ein merkwürdiges Hochkantvideo. Es war eine bezahlte Botschaft des Streamers HandOfBlood: Werbung und Fifa-Kritik in einem.
Szene aus dem Clip: Skurrile Reklame am frühen Morgen im ZDF
Foto: ZDF / HandOfBlood / INSTINCT3Werbepausen nerven. Das dachten sich wohl auch Freitagmorgen, beim um fünf Uhr deutscher Zeit gestarteten Spiel Schweiz gegen Algerien, wieder viele ZDF-Zuschauer. Wie jede Partie der diesjährigen Fußball-WM wurde auch dieses Sechzehntelfinale ungefähr in der Mitte jeder Halbzeit für die bei vielen Fans verhassten Trinkpausen unterbrochen. Das ZDF nutzte beide Pausen für Reklame, gebucht hatten die Werbeplätze die üblichen Verdächtigen wie Ergo, Tipico und MediaMarktSaturn.
Der dritte Werbespot während der zweiten Trinkpause aber fiel aus dem Rahmen. »So, geehrtes ZDF-Publikum, ick hab nur 15 Sekunden, diese Schpots sind arschteuer«, posaunte da plötzlich ein Typ mit nach hinten gegelten Haaren, goldener Brille und Oberlippenbart in die Kamera, von einer Autorückbank aus. Gefilmt war das Ganze im Hochkantformat, vermutlich per Handy.
»Liebe Grüße an die Fifa, äh, WM wird jedes Jahr besser. Diese Werbepaus..., äh, Trinkpausen, auch super für die Wirtscha..., äh, fürn Sport«, stammelt der Mann in dem Clip weiter. Dann blickt er auf seine Uhr und hält schnell noch eine Getränkedose in die Kamera, wobei der Spot an dieser Stelle abrupt endet. Auch ästhetisch wirft das Video Fragen auf, das Heckfenster etwa ist krass überstrahlt.
Vom Stil her hob sich der Clip so sehr vom Restprogramm ab, dass man meinen könnte, einem ZDF-Verantwortlichen sei hier, kurz vor halb sieben an einem Freitagmorgen, womöglich aus Versehen irgendein TikTok-Clip in die offizielle Werberotation gerutscht.
Die Auflösung ist schlussendlich weniger wild, aber zumindest aus Marketingsicht interessant: Das Ganze entpuppt sich nämlich als Werbestunt eines Influencers. Wie manche Zuschauer sicher auch sofort bemerkt haben dürften, ist der merkwürdige Mann im Auto der Twitch-Streamer Maximilian Knabe aka HandOfBlood, einer der bekanntesten deutschen Internetstars. Auf Instagram hatte er seine Aktion am Donnerstag vorab bereits grob angedeutet .
Knabe als »Präsident Knabe«: Immer wieder tritt der Influencer auch in dieser Rolle auf
Foto: HandOfBlood / INSTINCT3Knabes Management gab dann am Freitagmorgen per Pressemitteilung bekannt, dass der Streamer den skurrilen Spot mit seiner eigenen Getränkemarke Knabe Drinks finanziert hat. Auch die Knabe-Mix-Dose, die am Ende des Clips im Bild auftaucht, stammt von dieser Marke.
Der Pressemitteilung zur Aktion zufolge ist HandOfBlood großer Fußballfan, wobei er die aktuelle wie schon die vorherige Fifa-WM als Konsument boykottiert. Knabe, so heißt es von seinem Management, sei enttäuscht, dass für den Turnierbetrieb Menschenrechte und demokratische Grundprinzipien zunehmend an Bedeutung verlören, während wirtschaftliche Aspekte wichtiger würden.
Auf SPIEGEL-Nachfrage teilte der Influencer am Freitagvormittag mit, er habe dieses Jahr wirklich noch kein einziges WM-Spiel geschaut, nicht einmal die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. »Es fällt mir wirklich nicht leicht, dem Ganzen fernzubleiben«, sagt Knabe, »aber seit der WM in Katar möchte ich dieses Turnier mit seinem immer faderen Beigeschmack einfach nicht weiter als Konsument unterstützen.«
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Knabe ist für auf Viralität ausgelegte Aktionen bekannt. Im vergangenen Jahr etwa zelebrierte er den Launch eines neuen Getränks mit einem 24-Stunden-Rave im Berliner Club Ritter Butzke. Videoclips davon gingen im August um die Welt. Streamerinnen und Streamer aus zahlreichen Ländern reagierten ungläubig auf Szenen, in denen Knabe das Publikum antreibt oder Videospiele spielt, während um ihn herum wild gefeiert wird.
Hin und wieder gehen auch Clips viral, in denen Knabe nicht den Streamer HandOfBlood verkörpert, sondern »Präsident Knabe«. Knabe spielt diese Figur schon seit mehreren Jahren. Es handelt sich dabei um den fiktiven und sehr schrulligen Vereinspräsidenten des echten E-Sport-Teams »Eintracht Spandau«.
Auch im Werbeclip, der jetzt im ZDF lief, tritt Knabe als »Präsident Knabe« auf – der hier einerseits auf ein neues Influencergetränk aufmerksam macht, andererseits durch die Blume die Fifa kritisiert. Weil die Trinkpausen, wie auch viele andere Fußballfans meinen, am Ende wohl doch primär Werbepausen sind, was im Umkehrschluss bedeutet: Es geht dabei mehr ums Geld als um den Sport oder die Gesundheit der Spieler.
Dem SPIEGEL verriet Maximilian Knabe übrigens, der kurze morgendliche Werbeslot im ZDF habe einen niedrigen bis mittleren fünfstelligen Betrag gekostet. Über den Inhalt des Spots hätten er und sein Team mehrere Wochen gebrainstormt. Der Dreh selbst habe nicht länger als zehn Minuten gedauert.
Update, 18.15 Uhr: Wir haben im vierten Absatz eine neue Möglichkeit ergänzt, den Clip nachträglich zu schauen. Zuvor war an der Stelle eine nur temporär abrufbare Instagram-Story verlinkt.
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